Stadtbahn, U5 und Olympia in Hamburg | Blog dicht

Da das Thema Rot-Grün in Hamburg wohl durch ist und damit sehr wahrscheinlich auch die (Verkehrs-)Systemfrage, wird der Blog vorläufig geschlossen. Aktiv war ich hier auch nicht mehr und ein Freund aus Hamburg, der ein paar Beiträge schrieb, hat beruflich derzeit in Berlin auch genug um die Ohren, als dass er hin und wieder etwas schreiben mag. (Auch wenn ich es erfrischend fand, wenn er über Berlin als Hamburger in Berlin schrieb und ich in Hamburg als Berliner über Hamburg.)

Aber nun zu Olympia. Der DOSB entschied sich also für Hamburg. Und das Netz tobt natürlich. „Provinz-Nest Hamburg! Sind zu blöd für eine Philharmonie! Berlin ist eine Weltstadt!“

Warum die Aufregung? Zum einen hat kaum jemand damit gerechnet, dass sich die Bürger Berlins im September per Volksentscheid für die Spiele aussprechen. Nicht einmal die Befürworter glaubten das. Und damit hätte sich der Sport nach Münchens Bewerbung für 2022 in Deutschland erneut nachhaltig keinen Gefallen getan. Es ist doch jedem klar, dass das weniger eine Entscheidung für Hamburg ist, als viel mehr gegen Berlin. Jedoch verstehe ich es, wenn viele auf Berlin gehofft haben und nun per Shitstorm etwas Frust abbauen möchten.

Und wenn man auch annimmt, das Meinungsbild hätte noch kippen können: Berlin hätte keine Chance gehabt, auch wenn das meine Mitbürger mit ihrer „Nur wir sind eine Weltstadt, weil wir das so sagen und dies für wichtig halten“-Attitüde anders sehen. Man hält sich für weltmännisch und unterlegt dies mit provinzieller Anti-Weltläufigkeit, die schon ihre Probleme mit allem hat, was nicht im märkischen Sand liegt.

Aber beides ist für die Bewerbung absolut irrelevant. Die neue Strategie des IOC sieht vor, dass Spiele nachhaltig und kompakt sein sollen. Berlins Papier, das im Prinzip nur aus „Wir waren schon mal dran und haben noch unser Olympiastadion“ bestand, war wenig überzeugend. Aus dem selben Grund versuchen es die USA mit Boston und nicht mit New York, Los Angeles, San Francisco oder Washington. Und auch ein Blick auf vergangene Austragungsstätten zeigt eher, dass „second cities“ die Regel und nicht die Ausnahme sind, ob München, Barcelona, Atlanta oder Sydney im Sommer sowie Nagano, Salt Lake City, Turin, Vancouver und 2018 Pyeongchang im Winter. Aber vermutlich will man zur Genugtuung als Kosmopolit, der seinen Kiez nie verlässt, in zweieinhalb Jahren ein „Mit Berlin hätte Deutschland gewonnen“ von sich geben.

Und soll man großartig auf die Elbphilharmonie eingehen? Ein Gebäude, dass manch eifriger Schreiberling nur deshalb kennt, weil die Kosten stiegen und sich der Bau verzögerte (-> Schlagzeilen), während Projekte im x-fachen Umfang im selben Stadtteil ohne besagte Probleme durchgezogen werden (-> keine Schlagzeilen), ob Verkehrsinfrastrukturen (Brücken, U-neue Bahnen, …), Hochschulgebäude, Parks und andere öffentliche Einrichtungen?

Da ist mir die Zeit jetzt zu schade und der Witz ist ähnlich ausgelutscht wie „Ich hab schon vom BER gehört und hab das Bedürfnis dieses bahnbrechende Wissen in jedem Thema mit Berlin-Bezug zu erwähnen, damit mich anonyme Internet-User für top informiert halten“. Was dort die jeweilige Probleme waren interessiert eh so wenig wie jene Vorhaben, die ohne Probleme ablaufen. Als Atheist versuch’s ich’s dann doch noch mit einem Gebet:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet

Verkürzt kann man sagen: mit Hamburg hat Deutschland eine Chance. Eine sehr kleine Chance, vor allem gegen Favoriten wie Boston. Mit Berlin hätte Deutschland gar keine Chance, selbst wenn die Befürworter eine Mehrheit auf die Beine kriegten.

Und die Chance für Hamburg ist wirklich klein. Das liegt nicht nur an der Konkurrenz, sondern auch an der Fußballeuropameisterschaft, für die sich Deutschland für 2024 bewerben will. Und sollte dies eintreten, war es das mit Olympia, da die Regeln des Olympischen Komitees bereits ausschließen, zwei Großveranstaltungen in einem Jahr im selben Land durchzuführen.

Wäre Olympia für Hamburg wünschenswert? Sicher. Es würde Milliarden an Geldern, vor allem aus privater Hand, aber auch vom Bund, mobilisieren, und die Stadt für Generationen positiv prägen. Und das nicht nur für den Sport und die Bekanntheit, sondern auch für die Stadtentwicklung inkl. Infrastrukturen, Wohnraum und lokale Wirtschaft. Attraktiv für den Hafen ist die Elbinsel auch nicht mehr und würde den Sprung über die Elbe eher schaffen als IBA und igs zusammen. Aber man kann es sich abschminken und 2028 dürfte es höchstens im Punkt EM-Bewerbung anders aussehen. Da ist meine Befürchtung, dass man sich nun viele Jahre in der Stadt nur noch um die Spiele kümmert und andere Anliegen außer Acht lässt.

Aber nun zu den wichtigen Dingen. Rot-Grün verständigte sich in Hamburg darauf, die Stadtbahn einzustampfen. Die CDU gab das Vorhaben direkt nach der Wahl schon auf. Stattdessen soll der Ausbau von U- und S-Bahnen beschleunigt werden, u.a. durch mehrere Tunnelbohrmaschinen, die gleichzeitig von Ost und West die U5 Richtung Innenstadt bauen. Zudem wird die U4 zumindest im Osten verlängert, aber wahrscheinlich auch gen Süden, selbst wenn die Spiele nicht kommen. An neuen Stationen (zumindest Oldenfelde bei der U1 und Ottensen auf der S1) ist man auch dran, genau an S21 und S4. Außerdem Verdichtungen von S1(1) und S3(1).

Damit dürfte die Stadt die nächsten Jahre genug zu tun haben und endlich Ergebnisse liefern. Für die Stadtbahn fehlt dann nicht nur Geld und Personal/Ressourcen, sondern vor allem der Bedarf. Ist die U5 zwischen Siemersplatz-Hauptbahnhof-Rübenkamp geschlossen, sind die Sorgenkinder M5 und M6 beseitigt.

Im Netz sind die Diskussionen auch noch die gleichen. Die einen verweisen darauf, dass einzelne Städte Stadtbahnen einführen, während andere erwähnen, wie viele Neu- und Ausbauten alleine in den letzten Jahren an den Bürgerprotesten scheiterten und dass in Hamburg gerade mal 20% eine Stadtbahn wünschen, aber über 70% (also auch MIV-Nutzer, die sich des Nutzens bewusst sind) U- und S-Bahnen. Damit hat sich Thema erledigt, ob man es gut findet oder nicht. Die Wahl sprach ebenfalls eine klare Sprache, da die Verkehrsplanung im Mittelpunkt stand. Und die anfängliche Überlegung, das Thema per Volksentscheid zu klären, dürfte bei so eindeutigen Zahlen auch vom Tisch sein.

Und viele Vorhaben werden die Grünen auch umsetzen können, nicht nur bei der U5-Beschleunigung, die die Partei als „Ersatz“ für die Stadtbahn wünschte, sondern auch im Radverkehr, Umweltschutz, Hafenverkehr und Bürgerbeteiligung. Vielleicht führt die U5-Beschleunigung auch zu einem gesunden Mix, indem Steilshoop per U-Bahn angebunden wird, aber Lurup und Osdorf per S-Bahn, inkl. Verlängerung nach Schenefeld. So oder so: die Stadtbahn hat sich erledigt, der Fokus liegt nun bei heavy statt light rail: http://www.nahverkehrhamburg.de/s-bahn-hamburg/item/1403-faehrt-statt-geplanter-u5-bald-die-s-bahn-nach-osdorf-und-lurup

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Es geht doch, liebe SPD

Wie ich schon in „#3 Neue Bahnen für Hamburg“ schrieb, ist dem Senat ja durchaus bewusst, dass  die Verkehrsanbindung bzw. -erschließung für die Quartiersentwicklung von großer Bedeutung ist. Wieso er bei Wilhelmsburg aber rein nachfrage- statt angebotsorientiert argumentiert, erschließt sich mir nicht. Nun habe ich einen weiteren Artikel gefunden, in welchem man diese Erkenntnis — wie schon bei der Hafencity — auch wieder präsentiert.

Anleihen nehmen die Autoren des Diskussionspapiers bei der Idee von Hamburgs berühmtem Oberbaudirektor Fritz Schumacher, die Stadt entlang der in die Region hinausführenden Schienenstränge wachsen zu lassen. Auf zwei Karten, die von heute an im Internet unter http://www.hamburg.de veröffentlicht werden, ist dieser Gedanke sehr gut zu erkennen. Dahinter steht der Gedanke, dass eine komfortable Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz über U- oder S-Bahn eine absolute Voraussetzung dafür ist, dass Menschen Neubauflächen annehmen.

Quelle: http://mobil.abendblatt.de/hamburg/article127894922/Konzept-Stadt-in-der-Stadt-Mietshaeuser-werden-aufgestockt.html?cid=hamburg-eimsbuettel

Die erwähnte (sehenswerte!) Karte gibt es hier: http://www.hamburg.de/contentblob/4309812/data/broschuere-perspektiven.pdf

Und das stimmt soweit. Zumindest ist mir kein Stadtplaner oder Verkehrsingenieur je begegnet, der einer anderen Auffassung war. Es bleibt jedoch die Frage, wieso der Senat zum einen bereits erschlossene Areale weniger forciert, und zum anderen beim Bestand, der weiterentwickelt werden soll, dieses Argument nicht gelten lässt. In Wilhelmsburg leben mittlerweile über 50.000 Menschen und der Siedlungsschwerpunkt liegt am Reiherstieg bzw. zwischen Aßmann- und Veringkanal. Und was macht die Politik — die schwarzgeführten Senate selbstverständlich eingeschlossen — dort? Sie baut keine U4 ins Reiherstiegviertel, keine Stadtbahn durch Georgswerder, Alt-Kirchdorf und Kirchdorf Süd, sondern verbaut die geographische Mitte, die hingegen eine Schienenanbindung hat, mit dem Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU). Der ist ja auch chic und die Verlagerung nach Wilhelmsburg halte ich auch für ein wichtiges Signal, aber wieso ausgerechnet dort? Jeder weiß doch, wie es in Verwaltungsvierteln aussieht: Sie sind tot. Morgens kommen die Autos, die Angestellten und Beamten gehen rein, fahren abends wieder weg und am Wochenende ist da sowieso tote Hose. Das fällt ja selbst in der Innenstadt auf, wo es viele weitere Raumnutzungen gibt um die Verwaltungsgebäude herum. Und was kommt hingegen nach dem BSU-Neubau? Einige Gewerbegebiete und irgendwann Schrebergärten. Das Behördengebäude hätte man genau so gut auf den Gärten östlich der Georg-Wilhelm-Straße bzw. südlich der Straße „Bei der Wollkämmerei“ bauen können. Und stattdessen eine urbane Blockrandbebauung mit großen Innenhöfen und einem kleinen Stadtpark um die S Wilhelmsburg herum. Oder zumindest die Hafencity-Universität (HCU) und einige Studentenwohnheime dort ansiedeln.

Die einst überlegte Fusion der HCU mit der TU Harburg und (jedenfalls medial erwähnten) HAW Hamburg klang ja auch sehr nett, ganz gleich ob man das Kind nun „Norddeutsche Technische Universität (NTU)“, „Hanseatische Technische Hochschule (HTH)“ oder sonstwie nennt; z.B. mit einer angeschlossenen „Fritz-Schumacher-Fakultät für Baukunst und Raumentwicklung“, in der die HCU aufgehen könnte. Das Ding hätte, bei Beibehalt aktueller Zahlen, dann zu Beginn 22.000 Studenten und ca. 210 Mio. Euro inkl. Drittmitteln, also ca. 9.500 Euro pro Studenten. Aber man braucht ja unbedingt unbekannte, unterfinanzierte, junge/neue Hochschulen ohne Tradition in jedem Viertel; insb. der Hafencity, wo auch im Osten kaum ein Student leben wird. Bloß keine Konkurrenz zu anderen TUs aufbauen, wie z.B. in Dresden (37.000 Studenten / 530 Mio. Euro = 14.500 Euro pro Studenten), Aachen (40.000 / 1,1 Mrd. = 27.500), Berlin (32.000 / 460 Mio. = 14.500), Darmstadt (25.000 / 400 Mio. = 16.000), Karlsruhe (25.000 / 780 Mio. = 31.000) oder gar München (36.000 / 1,2 Mrd. = 33.500). Von Zürich (18.000 / 1,2 Mrd. = 66.500), Delft (17.000 / 860 Mio. = 50.500) und Kopenhagen (8.000 / 500 Mio. = 62.500) mit ihren finanziellen Ausstattungen redet man lieber erst gar nicht am „Wissenschaftsstandort Hamburg“. Und klar, nun wird wohl berechtigt eingebracht, dass die simple Rechnung aufgrund von An-Instituten bzw. Forschungsleistung sowie Drittmitteln nur bedingt aussagekräftig zur Qualität von Forschung und Lehre ist bzw. einem Vergleich der Hochschulfinanzierungen, aber man erhält eine grobe Größenordnung. Wie auch immer, nun ist es, zumindest für das ursprüngliche Thema BSU-Bau und Mitte Wilhelmsburg, eh zu spät und nachträgliches Gejammer bringt niemandem etwas. Also lieber nach vorne schauen.

Aber auch andere Gebiete bleiben da relativ unberührt, obwohl sie Wohnungsbau-Potential haben, wie zum Beispiel zwischen den S-Bahn-Stationen Billwerder-Moorfleet, Mittlerer Landweg und Allermöhe. Keine zehn Minuten fährt man in die Innenstadt, aber darf sich dort gespritzte Monokulturen bzw. landwirtschaftlich genutzte Felder anschauen. Und nun konnte man heute lesen, dass auf dem Kleinen Grasbrook möglicherweise mal ein Olympiadorf gebaut wird. Aber vielleicht sorgt das ja für den Anstoß, die U4 gen Süden zu verlängern. Zumindest wurde diese Möglichkeit schon genannt:

Auf der 110 Hektar großen Elbinsel könnten im Anschluss an die Spiele mindestens 6000 neue Wohnungen entstehen, Büroräume und ein weiteres Kreuzfahrtterminal. Mit dem neuen Stadtteil würde der seit Jahrzehnten von der Politik geforderte Sprung über die Elbe vollzogen, Hamburg würde als Stadt endgültig zusammenwachsen. Die U-Bahn-Linie 4 soll auf ihrer Trasse vom Jungfernstieg über die HafenCity nach Wilhelmsburg dann auf dem Kleinen Grasbrook Station machen. Von einer S-Bahn-Haltestelle an den Elbbrücken könnten die Besucher in den Olympiapark gelangen. 

Quelle: http://mobil.abendblatt.de/hamburg/article128323395/Hamburg-plant-fuer-Olympia-neuen-Stadtteil-auf-Elbinsel.html

Man darf gespannt sein. Das Thema Olympia ist ja eh so ein Fall für sich. Vielleicht gibt’s dazu was von mir demnächst. Interessant ist ja auch die Idee Kopenhagens gemeinsamer Spiele. Das geben wohl die Statuten des Olympiakomitees derzeit nicht her, aber dieser bürokratische Akt sollte nun auch kein Ding der Unmöglichkeit sein. Die Feste Fehmarnbeltquerung hingegen …