Blitzmarathon – Sinn oder Unsinn?

Morgen ist es (wieder) so weit: Der zweite bundesweite Blitzmarathon findet statt. Und natürlich ist die Empörung wieder groß. Aber leider ist mein Eindruck dabei häufig, dass sich viele Fahrer gar nicht so recht bewusst sind, was solche Maßnahmen bringen und verheddern sich (ungewollt) in Widersprüchen. Erst vorhin hatte ich die Diskussion wieder erlebt.

Aussage 1: Das ist eine große Abzocke! Die Polizisten sollte man lieber dafür einsetzen, dass sie auf den Fußgängerwegen für Recht und Ordnung sorgt. Und dann noch der ganze Drogenhandel an den Schulen. 

Aussage 2: Es ist zudem Verschwendung von Steuergeldern, wenn man vorher ankündigt, auf welchen Straßenabschnitten geblitzt wird, da so ja wenig(er) Geld in die Staatskassen kommen. Aber mit dem deutschen Zahlmichel kann man’s ja machen!

Das klingt zunächst sogar nachvollziehbar; selbst wenn man ausblendet, dass es selten nützlich ist, eine Polizeitätigkeit mit der anderen auszuspielen und dabei argumentativ in die selbe Sackgasse zu geraten, die man aus dem Verkehrswesen gut kennt. Max Mustermann: „Wir brauchen kein Tempo 130 auf Autobahnen! Wenn man etwas für die Verkehrssicherheit tun will, dann lieber erstmal bei Promillegrenzen, bei der Qualität der Fahrausbildung, bei LKWs in Städten, bei Sicherheitsstandards der Fahrzeuge, bei der Einhaltung/Kontrolle der Geschwindigkeit, … das alles bringt zusammen doch mehr als Tempo 130“. Max Mustermann am nächsten Tag: „0,0 Promille bringt doch wenig. Lieber [zahlreiche Maßnahmen/Ideen hier einsetzen] umsetzen, das bringt zusammen doch mehr!“. Und so dreht man sich ewig im Kreis.

Wie auch immer. Die Aussagen 1 und 2 sind, wie gesagt, erst einmal einleuchtend und sehen beide die Einnahmen im Vordergrund. Also das, was der Steuerzahler/Autofahrer ggf. selbst im eigenen Portemonnaie spürt. Aber an dieser Stelle (bzw. an der eigenen Windschutzscheibe) hört das Thema nicht auf.

Blitzer leisten, so wenig manch einer es auch glauben mag, selbstverständlich ihren Teil zur Verkehrssicherheit, auch wenn sie natürlich niemals 100%-ige Verkehrssicherheit herstellen können, wie manch einer polemisch erwartet, damit sie eine Existenzberechtigung haben. Und sobald diese willkürliche Prämisse nicht gegeben ist, haben sie folglich keine und gehören abgeschafft. Dabei gilt aber dieser Nutzen sowohl für unangekündigte Blitzer, die in der Regel einem pädagogischen Zweck dienen (-> stets mit ihnen rechnen und daher das Tempolimit einhalten, damit man nicht (wieder) ein Ticket kriegt), als auch angekündigte Blitzer, die an Gefahrenstellen Fahrer abbremsen lassen und somit das Unfallrisiko senken.

Mal ein konkretes Beispiel: Bei meiner Berliner Bude ist eine Kreuzung, die vor Jahrzehnten nicht so übersichtlich gebaut wurde für heutige Anforderungen, aber auch nicht aus städtebaulichen Gründen ertüchtigt werden kann. Dort hat es früher regelmäßig gekracht und eine Schülerin wurde von einem Raser zu Matsch gefahren, woraufhin die Verwaltung endlich handelte und einen Blitzer aufstellte, der groß und fett angekündigt wird. Da kommt dann ein pfiffiger Berufsempörter und sagt „Na, wenn die angekündigt sind, dann bringen sie doch nichts, weil sich keiner wischen lässt“. Und sicher, es lassen sich wohl weniger „erwischen“ als bei einem unangekündigten Blitzer, der unregelmäßig aufgestellt wird. Doch was ist das Ergebnis? Das Ergebnis ist, dass die Leute dort zumindest auf 50-100 Metern mal vom Gas gehen und es seitdem an der Kreuzung kaum noch zu Unfällen kommt.

So ein Blitzmarathon zielt auf beide Aspekte an. Sprich, zum einen gingen an diesen Tagen (Vorreiter waren übrigens größere Länder wie NRW) die Unfallzahlen stark zurück, da manch einer lieber konzentrierter als sonst auf seine Geschwindigkeit achtet. Das ist schon mal gut. Zum anderen werden — trotz Ankündigung — überdurchschnittlich viele Raser geblitzt und teilweise aus dem Verkehr gezogen.

Dass sich weitere Bundesländer angeschlossen haben, hat einen weiteren (verkehrspädagogischen) Nutzen: Man schenkt dieser Aktion zumindest für wenige Tage große Beachtung und damit werden auch jene, die seit Jahrzehnten fahren, mindestens einmal im Jahr für das Thema Raserei sensibilisiert; zumal die Medien es aufschnappen — vom Lokalblatt, das die kontrollierten Strecken veröffentlicht, bis zum bundesweiten Medium, das darüber berichtet. Das kriegt die Polizei mit keiner Werbemaßnahme ähnlich effektiv hin. Und sicherlich wird es manch Verkehrsrowdy recht egal sein. Aber auch hier sind die „entweder 100% oder nichts“ nicht der Maßstab. Wenn es nur dafür sorgt, dass jeder Zehnte sich mal intensiv mit dem Thema beschäftigt und mal über das eigene Fahrverhalten nachdenkt oder gar nachhaltig verändert, dann ist diese Aktion bereits ein Erfolg.

Übrigens: Das, was diese vermeintlichen Abzockkisten einspielen, deckt in der Regel nicht einmal ihre Anschaffungskosten. Angekündigte Blitzer sowieso nicht. Und das müssen sie auch nicht. Jedes Jahr entsteht alleine in Deutschland durch Raser ein volkswirtschaftlicher Milliardenschaden, den die ganze Gesellschaft trägt. Und den gilt es schon aus sozialen Gründen zu reduzieren. Wenn man das als „mehr Kohle fürs Staatssäckl“ bezeichnet möchte: Bitte, nur zu, mir nun auch egal. Nach positiven Evaluationen und Untersuchungen sind auch andere Staaten auf diese Aktion aufmerksam geworden und schauen sie sich ab.

Daher zielt so eine kurze Aktion auch auf langfristige, positive Effekte. Und sicherlich kennt jeder irgendwelche Boulevard-Meldungen, wonach irgendeine Blitzkiste in Kleinkleckersdorf ordentlich Geld „einspielt“ und deshalb besser für die Auflage des Blatts geeignet ist als eine Berichterstattung über die anderen 99%.

Bloß entsteht dort das selbe bzw. ein weiteres „Dilemma“ wie bei der Frage nach einer (Nicht-)Ankündigung von Blitzern. Wie lange ein Blitzer hält, wie viel er „einspielt“ und wie die externen Kosten konkret zu monetarisieren sind, ist auch nicht bequem zu ermitteln. Kostet Anschaffung und Betrieb erstmal mehr als es einbringt, kommt der Aufschrei nach Steuerverschwendung. Rasen so viele und lassen sich dabei erwischen, daß (ggf. wider Erwarten seitens der Polizei) die Bußgelder diese Kosten übersteigen, dann ist es Abzocke. Dabei wird man nie exakt auf +-0 EUR kommen.

Man kann’s also nur verkehrt machen, wenn die Aufregung vor allem von jenen kommt, die nur schauen, mit welchen Argumenten sie diesmal ihren verbalen Krieg für „freie Fahrt“ bestreiten.

Ist aber auch nicht so wichtig. Der Trend geht ja in die richtige Richtung und das ist schon mal gut. Und wenn einer tatsächlich den Nutzen nicht nur leugnet, sondern ihn wirklich nicht begreift, dann muss ich (leider) nach so vielen Jahren sagen: Auch nicht weiter wild, solange er sich ans Tempolimit hält. Das ist meist der selbe Typ Mensch, der aufwendige Straßenbaumaßnahmen als Schikane von Straßennutzern empfindet, für den jede Ampel falsch geschaltet ist und der nicht Stau ist, sondern sich nur in einem befindet.

Und dabei können sie ihr Problem so wunderbar einfach lösen, selbst wenn sie tatsächlich an die Abzocke „glauben“ wollen: Einfach das Tempolimit einhalten. Fertig. Dann kann sich auch die Gemeinde, die seltener zermatschte Jugendliche aus den Leitplanken kratzt, ja noch so sehr darüber ärgern, dass nicht mehr ein paar zusätzliche Euros ins Staatssäckerl gespielt werden. Und wenn nun auf Twitter, Facebook, taz, FAZ, ZEIT, BILD, Niendorfer Wochenblatt, in Online-Foren, am Arbeitsplatz und in der Kneipe über Sinn und Zweck von Blitzern im Allgemeinen und dem Blitzmarathon im Speziellen gestritten und diskutiert wird, dann lohnt es sich schon.

Wie auch immer. Vielleicht zur Abwechslung (rein aus pädagogischen Gründen, versteht 😉 ) zum Schluss noch Bildchen, die mir in letzter Zeit zugeflattert kamen und die ich teils informativ, teils unterhaltsam finde und daher nicht vorenthalten möchte:

In diesem Sinne wünsche ich schon einmal jedem morgen einen schönen „Tag des Deutschen Blitzers.“ (Hoffentlich klingt das nicht zu gefährlich für Nicht-Muttersprachler.)