Bürgerinitiative aus Hamburg will auch Stadtbahn

Na, das überraschte mich nun schon etwas. Hätte gedacht, dass nach den lustigen, neuen Plänen von CDU und Grüne nun etwas Ruhe bis zum Wahlkampf eintrete und sich das Thema Handelskammer eh von selbst erledigt hätte. Aber nun kommt eine Initiative daher und will auch so um und bei 3,3 Mrd. Euro verbuddeln. Die Pläne finde ich zwar sehr merkwürdig, aber die Initiative dennoch gut, um das Thema aktuell zu heißen. Schade nur, dass es sofort parteilich werden musste und man zusammen mit der CDU die Pläne präsentierte, wobei letztere wieder nur das Kernargument präsentiert, wonach die Pläne der „Phäntom-U-Bahn“ (Hesse) bzw. „Phantasie einer U-Bahn in 26 Jahren“ (Wersich) unrealistisch seien und deshalb solle es nur eine Stadtbahn geben und nie wieder eine U-Bahn. Aber vermutlich erreichen sie damit genug Leute. Ich find die Aussage der 26 Jahren auch recht amüsant. Da nennt der Senat die 2020er und 2030er, also macht Wersich einfach ein 2039 bzw. 2040 daraus. Dabei leugnet er konsequent, dass Teileröffnung doch normal sind. Dafür muss man nicht einmal zur U5 bzw. U55 in Berlin schauen — da reicht ein Blick auf die U4 in der Hafencity. Aber das wissen die beiden Herren vermutlich selbst und auf die restlichen abenteuerlichen Nebenbemerkungen gehe ich lieber nicht weiter ein. Das tat ich schon in einigen, ggf. zu vielen, anderen Beiträgen, z.B. in der Rubrik U- plus Stadtbahn und dort insb. im Artikel #3 Neue Bahnen für Hamburg und #2 Argumente der Parteien.

Also kein Bedarf das nochmal neu aufzurollen. Stattdessen erlaube ich es mir einen kritischen Blick auf die Pläne dieser Initiative zu werfen. Daher erstmal vorweg die Karte.

bürgerinistadtbahn

Plan der Bürgerinitiative

Gemopst aus dem dazugehörigen Artikel aus dem Abendblatt: Neue Initiative legt Stadtbahn-Konzept mit 19 Linien vor.

Da sind schon ein paar interessante Ideen bei und einige Linien decken sich weitestgehend auch mit meinen Überlegungen bzgl. einer Stadtbahn, z.B. die (sofern es richtig erkenne) Linie 14, die von den Elbvororten über Osdorf (mit zusätzlichem Umweg nach Schenefeld) macht, dann an den Arenen, Hagenbeck und Siemersplatz zum Lattenkamp, zur City Nord und über Steilshoop weiter nach Rahlstedt (statt wie bei mir Tonndorf). Auch eine interessante Lösung, wobei ich mich frage, ob der Umweg nach Schenefeld nützlich ist, da er die Fahrzeit immens verlängern würde, aber nun gut, da bekanntlich die wenigsten die gesamte Strecke fahren und manch einer die Route nehmen könnte, um von Schenefeld gen Süd (Kl. Flottbek) oder eben gen Ost zu fahren, auch nicht völlig abenteuerlich. Und wieso es unbedingt bei weniger als 100km fast 20 Linien sein müssen, weiß man wohl auch nur dort. Wer böse ist, würde wohl annehmen, dass diese „19 Linien! Wow! Und die U5 ist ja nur eine!“-Masche die bisherigen Zahlentricks noch einmal komplett toppen soll. Ich hoffe es nicht. Aber zurück zur Linienführung.

Daneben gibt es dort interessanterweise noch die Linie 2, die vom Tibarg (Niendorf Markt) weitestgehend auch wie die Linie 5 fährt und dann im Reiherstieg endet, während die Linien 5 und 7 am Tibarg einfach vorbeirauschen. Das mag den dortigen Umweg zwar etwas entlasten, aber dann bedarf es weiteren Abstellflächen für Bahnen am Tibarg. Zudem ist es nicht möglich in die U-Bahnlinie U2 zu wechseln für jene, die von Burgwedel kommen, was sehr viele Fahrgäste der Metrobuslinie 5 derzeit machen. Die müssten dann alle entweder — selbst wenn es eine neue, zusätzliche Haltestelle, z.B. bei der Dorfkirche, geben sollte — ein paar hundert Meter zu Fuß gehen… oder sie fahren eine Station weiter bis zum Vogt-Cordes-Damm, wechseln dort auf der B447 die Seiten und fahren wieder eine Station zurück. Bei einem angekündigten 20-Minuten-Takt [sic!] kann man das also komplett vergessen. Ist dann wohl eher in der Kategorie „gut gemeint“ oder für jene, die am Stadtrand in Niendorf nicht in die schneller U2 wollen, sondern lieber mit der langsamen Stadtbahn fahren wollen und so zwei Minuten einsparen.

Die Linie soll zudem im Süden die City Süd erschließen, die Hafencity (selbst die Elbbrücken am Ost-Ende) komplett meiden, und dann das Reiherstiegviertel erschließen. Damit wäre eine notwendige U4-Verlängerung für einige Jahre möglicherweise obsolet, aber würde das Viertel kaum aufwerten, da mit der Stadtbahn erst einmal die Station Veddel erreicht werden will (und andere Stationen, z.B. Wilhelmsburg oder eben die U4, fährt sie ja gar nicht erst an). Außerdem hört sie am Stübenplatz auf statt einfach gen Süden durch Wilhelmsburgs Siedlungsschwerpunkt zu ziehen und ggf. beim IGS-Gelände zu wenden. Soll es an den zwei Kilometern wahrlich scheitern? So bleibt der Abbieger ab Veddel völlig sinnfrei, wenn über 90% der Anwohner für zwei Stationen in einen Bus springen müssen, der sie zum Stübenplatz bringt, und dieser Bus sowieso bis Veddel (wie bisher) fährt. Die Einwohner von Kirchdorf Süd haben damit davon auch nichts. Das kann ich aus verkehrswirtschaftlichen Gründen nachvollziehen, aber aus verkehrspolitischer Sicht wäre dies mehr als notwendig, zumal die Vorteile auf der Hand liegen, wenn man mittel- bis langfristig die Elbinsel entwickeln will und die angestrebte Verlängerung der U4 befördern statt behindern möchte.

Der Rest ist aber wiederum weitestgehend zu ignorieren, da viele wichtige Strecken fehlen, während Linien ohne Bedarf gekritzelt wurden.

So ist es sicherlich — außer für die dortigen Anwohner — notwendig, extra zwei Linien nach Teufelsbrück zu ziehen. Auch braucht man keine Querverbindung vom Eidelstedter Platz über Oldesloher Straße nach Langenhorn und Poppenbüttel. Da fehlen einfach die Verkehre und Normalbusse reichen dort im langsamen Takt vollkommen aus. Ebenso ist das Wirrwarr zwischen Dammtor und Hbf für schienengebundene ÖSPV-Verbindungen sehr nutzerfeindlich (von den Eingriffen in den Stadtraum ganz zu schweigen) und bringt keine Vorteile. Von Poppenbüttel, auch wenn dort (und in angrenzenden Vierteln) viele CDUler wählen, ist neben den bestehenden S- und U-Bahn-Linien auch kein Bedarf für zahlreiche (10, 11, 12 und 13 sowie 12 und 17) notwendig. Sasel ist kein Verkehrsknotenpunkt, der sechs Routen gen Süden braucht plus sechs gen West bzw. Schnelsen. Vor allem sind nicht nur die Strecken in Hamburgs Nordwesten fragwürdig, sondern auch nach Wandsbek, die dort einfach enden. Ähnlich sieht es mit Billstedt aus, wo vier Linien beginnen und nach Rahlstedt fahren. Ich weiß ja nicht, wie viele Leute von Billstedt täglich von einem Wohngebiet ins nächste fahren, aber wer von Rahlstedt in die Stadt möchte, wird eh die S4 nehmen oder nach Farmsen fahren.

Was aber mit Abstand am meisten irritiert: Die Gebiete östlich der Alster werden völlig ignoriert. Es gibt keinen Halt in und bei Barmbek, keine im Süden Winterhudes, auf der Uhlhorst und Hohenfelde sowie Hamm. Da fährt gar nichts. Die Linien hören einfach auf, während sie im Norden und Westen der Stadt alles Erdenkliche mitverbinden sollen. Was hat die überfüllte Metrobuslinie 6 also davon? Richtig, nichts. In Altona findet man entsprechend so wenig eine Anbindung wie in Mümmel. Nun könnte man noch einmal böse sein und schauen, wo die CDU bei den letzten Bezirkswahlen stark abschnitt. Und man stellt fest: In den Elbvororten (Rissen bis Othmarschen), im Nordwesten (Schnelsen bis Lokstedt und Alsterdorf), im Nordosten Fuhlsbüttel über Sasel bis Volksdorf und den Walddörfern, sowie im Osten bei Jenfeld und Rahlstedt. Zudem in Bergedorf, aber dorthin wäre die Stadtbahn wohl eh nicht in absehbarer Zeit gekommen. In Altona, Eimsbüttel, Barmbek, Hamm, Wilhelmsburg, St. Georg etc. gab es wie erwartet wenig zu gewinnen. Aber vielleicht ist das auch nur Zufall. Da viele (einstige) CDU-Wähler ja bekanntlich Stadtbahngegner sind wie kaum wer anderes, könnten verkehrliche Gründe vielleicht für diese (fragwürdige) Variante dann doch im Vordergrund stehen.

* Kleine Ergänzung: Wie ich jetzt sehe, nennt die Initiative das ganze auch noch eine „Schnellbahn“, weil das vermutlich imposanter klingt, selbst wenn es keine Schnellbahn ist.

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